HERZLICH WILLKOMMEN AUF 110th

AdèleAdèle / Ein Leben für den Index
Ab 1.11. im Buchhandel – Monika Elisa Schurr`s biografischer Roman

Haben Sie sich einmal gefragt, ob Vladimir Nabokov seine „Lolita“ heute noch veröffentlichen könnte?  Oder Thomas Mann seinen „Tod in Venedig“? Die Antwort fiele wohl eher pessimistisch aus. In unserer Zeit würden derartige literarische Werke bei vielen Verlagen und Redaktionen auf Ablehnung stoßen – sicherheitshalber, sind sie doch Tragödien der erotisch getönten Beziehung von Erwachsenen zu halben Kindern. Allein ihr historischer Status als „Weltliteratur“ scheint sie davor zu bewahren, nachträglich auf dem Index zu landen. (Warum eigentlich? Macht ihr Alter die Texte weniger brisant?)

Haben Sie sich auch einmal gefragt, wie ein Mensch, der als Kind sexuelle Beziehungen zu Erwachsenen erlebt hat, heute eigentlich darüber schreiben dürfte? „Dürfte“ deshalb, weil das Thema einer enormen Tabuisierung unterliegt und es ganz klare Igitt-Reflexe und -regelungen zu geben scheint, die von der Kunst- und Meinungsfreiheit buchstäblich nichts mehr übrig lassen. Wo es – literarisch, gesellschaftlich, politisch – spannend wird, ist es auch gleich wieder vorbei. Paragraph No-Go.  Sicherheitshalber, versteht sich.

In starkem Kontrast dazu steht die Aufforderung der Gesellschaft an sogenannte Missbrauchsbetroffene, „endlich“ darüber zu reden – ob nun Opfer der Odenwaldschule, des katholischen oder sonstigen Klerus oder solche familiärer Gewalt. „Reden“ sollen sie zwar, sind aber faktisch mehr oder weniger dazu verdammt, in strikt autobiografischer Form die immer gleiche Geschichte zu wiederholen: ER hatte die (strukturelle, individuelle) Macht, ER hat Manipulation, Zwang und Gewalt gebraucht; ES war eklig, tat furchtbar weh und man hat viele Jahre gebraucht, um „endlich“ darüber reden zu können.

Die meisten Fälle – daran besteht kein Zweifel – werden so ähnlich abgelaufen sein. Was jedoch, wenn nicht? Oder nicht so ganz? Was, wenn jemand seine Erlebnisse literarisch verarbeiten und dabei eine vielschichtige Tragik schildern möchte, die vom eindimensionalen und in diesem Sinne trivial zu nennenden Pflicht-Standard deutlich abweicht? Richtig. Ein solcher „Betroffener“ hat es unendlich schwer, der gesellschaftlichen Einladung nachzukommen, „endlich darüber zu reden“, weil im herrschenden Diskursklima mit seinen vermeintlichen Gewissheiten und Imperativen zum Thema ein offenes Gespräch darüber faktisch unmöglich ist. Man sehe sich nur aktuelle künstlerische Bearbeitungen des Themas an wie etwa den Odenwald-Film „Die Auserwählten“ – kürzlich von der ARD ausgestrahlt – oder Talkrunden wie die dazugehörige von Anne Will, und man weiß, wie viel hier aus nackter Angst verschenkt wird – letztlich zu Lasten der Betroffenen. Eine gefährliche Verengung und Verarmung, die Unbehagen erzeugt.

Monika Elisa Schurr geht das Wagnis ein, einen biografisch grundierten Roman vorzulegen statt einer Fallgeschichte in Ich-Form; einen Roman, der seinem Wesen nach Vladimir Nabokov und Thomas Mann näher steht als so mancher FilmMittwoch – ohne irgendetwas oder irgendjemanden zu entschuldigen oder zu verharmlosen. Im Gegenteil.

Sie entscheiden darüber mit, wer „endlich reden“ darf – und wer nicht.

Mehr Informationen zum Buch finden Sie auf der Autorenseite von Monika Elisa Schurr.